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Ein Roman blickt zurück auf eine verlorene Zeit des Leidens
In Österreich etablierte sich
in der späteren Nachkriegszeit ein Genre, das die pittoreske Heimat
der Berge in einem andern Licht, gewissermaßen als Tiefland zeigte:
der (später) so genannte „Anti-Heimatroman“, der mit Thomas Bernhards
Texten Frost (1964) und Auslöschung (1986) Anfang und Ende nahm und
hier zugleich seine Höhepunkte fand. Hier war die Provinz kein malerischer
Ort der Idylle, der Naturverbundenheit und des „ursprünglichen“
Lebens, sondern ein Lokus des Grauens, der Gewalt, gestörter sozialer
Beziehungen, Leichen im Keller und verdrängter Vergangenheiten. Es
waren meist Entwicklungsromane - doch in ihnen wurde Heranwachsen
nicht als Herausbildung eines Menschen erzählt, sondern als bleibende
Deformation. Aus - gegebenem Anlass? - hat dieses Genre nun auch in
der ostbelgischen Literatur Eingang gefunden. War es letztes Jahr der
fulminante Schelmenroman Bosch in Belgien von Freddy Derwahl, so erregte
dieses Jahr Unterwegs zu Melsuine das Interesse einer großen Leserschaft
in den Ostkantonen. Der Autor, der sich hinter dem Pseudonym „Hannes
Anderer“ verbirgt, scheint damit eine kollektive (Aufbruch-)Stimmung
wiedergegeben zu haben - und arbeitet bereits an einer Fortsetzung.
Der vorliegende Text ist ein Schülerroman, der auch hier an eine populäre
deutschsprachige Tradition anschließt, an Werke wie Robert Musils Zögling
Törless oder Friedrich Torbergs Schüler Gerber. Erzählt wird aber
nicht nur die Schulzeit des Ich-Erzählers in St. Vith und Montenau,
sondern auch die Geschichte seiner Familie vor und unmittelbar nach
dem Zweiten Weltkrieg. Anderers Roman ist sprachlich kantiger und amateuristischer,
aber vielleicht noch aufrichtiger als Derwahls Text. So braucht er in
philosophisch abschweifenden Exkursen ganze 16 Seiten, um mit seiner
Geschichte zu beginnen; dies hätte bei einem größeren Verlag wohl
kaum ein Lektor durchgehen lassen. Hält der Leser durch, wird er freilich
nicht enttäuscht. Generalthema ist die schonungslose Abrechnung des
Ich-Erzählers mit seiner Zeit am katholischen Internat nach dem Zweiten
Weltkrieg. Hier werden er und seine Mitschüler nicht nur ins kalte
Wasser einer fremden Sprache (Französisch) gestoßen, sondern auch
in die Perfidie eines ausgeklügelten Disziplinierungssystems, das bei
ihm Bettnässen, Rheuma und nervöse Magenscherzen hervorruft - abgesehen
von den unerträglichen Schuldgefühlen, die den Heranwachsenden quälen.
Dieses Klima der seelischen Versklavung im Namen der „Una Sancta Catholica
et Apostolica Ecclesia“ wird nur durch einige Lichtblicke gebrochen;
aufflackernde Freundschaften, Radtouren, aber vor allem durch die Begegnung
mit der Künstlerin Else, die in der Schule ein Fresko malen soll. Sie
ist es, die dem Modell sitzenden schamhaften Schüler ihren nackten
Frauenkörper zeigt, den ersten seines Lebens - und in phantasmatischen
Szenen wie diesen erreicht der Roman eine merkwürdige Intensität.
Dass diese kurzen Glücksmomente nicht überhand nehmen, dafür sorgt
unter anderem der sadistische Lehrer Prosper, dessen mögliche pädophile
Neigungen angedeutet werden. Erst spät findet der Protagonist einen
Ausweg in seiner „gottlosen“ Lektüre; bei Nietzsche, aber auch
Texten des französischen Existenzialismus sucht er Trost - mit dem
Effekt, dass die Repression gegen ihn noch stärker wird. Rückblickend
wird der Ich-Erzähler resümieren: „Meine Vergangenheit sah ich nur
negativ als eine Zeit der psychischen Qualen, der Verunglimpfung, der
Domestizierung, in der alles Eigene und Besondere unterdrückt und zugedeckt
werden musste. Die dämonische Figur der Pubertätszeit war Prosper,
dessen richtender Blick mich entmündigte. Davor war es das Elternhaus,
das mich mit seiner hilflosen Gottesfurcht lähmte und mir die Luft
zum Atmen nahm. Dabei waren meine Mutter und mein Vater an diesen Umständen
nahezu schuldlos, da sie selbst Opfer der religiösen Indoktrination
waren.“ Diese harte wie genaue Kritik wird nicht nur das katholische
Schulsystem Ostbelgiens als seine wahre Geschichte akzeptieren müssen.
In ihm werden sich auch viele Leser aus anderen Landesteilen, ja auch
aus anderen deutschsprachigen Regionen jenseits der Grenze wieder erkennen.
Wohl bleiben andere politische Aspekte - wie etwa die Involvierung Ostbelgiens
und seiner Bevölkerung in die Zeit der NS-Herrschaft - eher unterbelichtet
(im Gegensatz zu Freddy Derwahl). In jenem Punkt indes trifft der Text
voll sein Ziel: den „Eifel-und-Ardennen-Gott“. Trotz des Mangels
an Gelegenheit ist der Weg des Protagonisten aber auch ein „chercher
la femme“ - repräsentiert im Typus der Melusine aus Fontanes Stechlin,
die irritiert und reizt zugleich „mit ihrer Intelligenz, ihrer Ironie
und ihrer Schlagfertigkeit.“ Ob das Unterwegssein des Protagonisten
ihn aus der unerträglichen Enge seiner Jugend an dieses Ziel bringen
wird, wird wohl Anderers geplante Romanfortsetzung zeigen. Inzwischen
mag der Leser mit den Worten Tinas, einer anderen Frauenfigur aus dem
Text, denken: „Bubi, du bist ein komischer Vogel! Aber ich mag dich!
Lass uns weitergehn!
Clemens Ruthner, Wien
Hannes Anderer, Unterwegs
zu Melusine, Sonnenberg Verlag Annweiler, 2007, 377 Seiten, 19,80€
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